Inhaltliche Einführung: Neue Gemeinschaftlichkeit zur Wiederbelebung entleerter Räume

 

Die Anzahl der Menschen, die in urbanen Räumen leben, wächst beständig. Bereits 2050 werden, so die Prognosen, so viele Menschen in Städten wohnen, wie heute insgesamt auf der Erde leben. Die Verstädterung wird begleitet von komplexen sozialen und demografischen Entleerungsprozessen: Der weltweite Trend zur Abwanderung großer Bevölkerungsgruppen in wenige städtische Ballungsräume, der ökonomische Niedergang von Städten und Regionen aufgrund industriellen Strukturwandels oder wirtschaftlicher Krisen und der Bevölkerungsrückgang aufgrund geringer Geburtenraten führen zu einer Entvölkerung unattraktiver Städte und des ländlichen Raums. Diese Entwicklung ist auch in Deutschland im Gange und lässt sich besonders in den ostdeutschen Bundesländern, im südlichen Niedersachsen, Nordhessen, südlichen Westfalen, in der Westpfalz und Oberfranken beobachten. Auch Teile des Ruhrgebiets sind betroffen.

Soziale und demografische Entleerung

Der Wegzug setzt eine Abwärtsspirale in Gang: Die Kaufkraft nimmt ab und führt zum Niedergang des Einzelhandels. Dienstleister geben ihr Geschäft auf. Sinkende Steuereinnahmen schränken den Handlungsspielraum der Kommunen ein. Der Betrieb von Schulen und Krankenhäusern rechnet sich nicht mehr. Für Ärzte wird der Betrieb einer medizinischen Praxis unattraktiv. Soziale, medizinische und pflegerische Unterstützungstätigkeiten sowohl durch die Verwandtschaft als auch durch kommerzielle Dienstleister (Pflegedienste) und staatliche Institutionen (Krankenhäuser, Kindergärten) fallen weg. All dies wirkt sich besonders auf Familien, Kranke und Alte aus. Während die Jungen jedoch aufgrund von Arbeitsplatzangeboten abwandern, sind ältere Menschen daran interessiert, möglichst lange in einer Wohnung zu bleiben und sich nach eigenem Ermessen selbst zu versorgen. Eine Entwicklung, bei der das Netz der Ärzte, Apotheken und Einkaufsläden ausdünnt und immer grobmaschiger wird, steht dem gerade im Alter steigenden Wunsch nach kurzen Versorgungs- und Einkaufswegen entgegen.

Die Entleerung von Siedlungsräumen erfolgt also sowohl demografisch wie sozial. In der Wissenschaft und Raumplanung gilt es als ausgemacht, das Landstriche aufgegeben und raumplanerisch/städtebaulich zurück gebaut werden müssen.

Intentionale Gemeinschaften als Raumpioniere

In den letzten 40 Jahren ist eine Vielzahl an bewusst initiierten (intentionalen) Lebensgemeinschaften entstanden, die das Wohnen, Leben und Arbeiten ihrer Bewohner nach ökologisch und sozial nachhaltigen Zielen ausrichten. Dazu gehören Ökodörfer, Gemeinschaften, Land- oder Stadtkommunen, Co-Housing-Initiativen, Nachbarschaftsgemeinschaften und andere auf Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit hin orientierte Lebensgemeinschaften und Gemeinschaftsprojekte. Eine Vielzahl von ihnen ist in der sogenannten Ökodorf-Bewegung organisiert. Gerade Ökodörfer beanspruchen aufgrund ihres ganzheitlichen Ansatzes, der nachhaltige Wohnweisen, Konsumgewohnheiten, Produktions- und Arbeitsformen und anderes mehr umfasst, eine paradigmatische Rolle bei der Entwicklung nachhaltiger Lebensstile.

Die Studie „Studie Ökologische Lebensstil-Avantgarden“ (Lambing 2014) stellt heraus, dass gerade strukturschwache Siedlungsräume für die neuen sozialökologischen Gemeinschaften eine hohe Attraktivität aufweisen. Diese Gegenden können niedrige Immobilienpreise, eine sozial übersichtliche Nachbarschaft, Naturnähe, bisweilen gute ökologische Bedingungen und räumliche Weite anbieten. In der Regel ergibt sich hier für intentionale Gemeinschaftsprojekte die Möglichkeit, günstig an größere Gebäude und Flächen zu kommen sowie auch mehr Gestaltungsmöglichkeiten und größere Freiräume für pionierhafte Nachhaltigkeits- und Sozialinnovationen. Da viele sozialökologische Gemeinschaften Low-Income bzw. Low-Budget-Projekte sind, deren Mitglieder mit einem deutlich geringeren finanziellen Einkommen auskommen, sind sie wirtschaftlich gut adaptiert an Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit und geringer Kaufkraft. Solche Gemeinschaften bringen seit Jahrzehnten sozialräumliche Transformationsprozesse aktiv voran und können deshalb im Sinne von Ulf Matthiesen als Raumpioniere bezeichnet werden.

Chancen für Städte und ländliche Regionen

Gemeinschaften bieten vielfältige Potentiale, durch bürgerschaftliches Engagement sich demografisch entleerende Räume wieder zu beleben und in ihnen die Daseinsfürsorge aufrecht zu erhalten. Gerade sozialökologische Gemeinschaften wirken in einem sehr komplexen Sinne als regionale Entwicklungskerne zur Wiederbelebung und Stärkung einer Region: So sind sie z. B. in der Regel ausgesprochen kinderfreundlich und attraktiv für junge Familien. Sie sind aber auch ein Anziehungspunkt für weitere Raumpioniere, die Entfaltungsräume und personelle Unterstützung für soziale und ökologische Projekte nutzen und damit die jeweilige Region oder Stadt beleben. Insofern die Gemeinschaften als kulturelle Zentren ökologisch und sozial nachhaltigere Lebensstile sichtbar demonstrieren und praktizieren, ziehen sie nicht nur andere städtische Milieus an, sondern wirken auch im Sinne nachhaltiger Lebensstile auf diese ein.

Zudem wirken große sozialökologische Gemeinschaften wie die Ökodörfer auch als ökologische Trainings- und Innovationszentren. Sie stützen und ergänzen damit jene ökonomische Entwicklung der letzten Jahre, der gemäß bisher rein agrarisch geprägte Landstrichen neue Wertschöpfungsmöglichkeiten durch die Nutzung der Erneuerbaren Energien zur Strom- und Wärmegewinnung erhalten.

Für die von sozialer und demografischer Entleerung betroffenen Städte und Regionen sind sozial-ökologische Gemeinschaften (und vergleichbare Wohn- und Lebensprojekte intentionaler Gemeinschaftlichkeit) damit eine Chance. Städte und Kommunen können solche Initiativen für eine Wiederbelebung nutzen. Ein konstruktiver Erfahrungsaustausch mit institutionellen Ansprechpartnern aus Kommunalbehörden, Stadtplanung, Sozialwesen und Wirtschaftsförderung ist bisher allerdings nur rudimentär vorhanden, von einem kollaborativen Abgleich der jeweiligen stadt- und regionalpolitischen Agenda ganz zu schweigen.

Hindernisse und Barrieren der Kooperation

Gerade in ihrer Anfangszeit konzentrieren sich Gemeinschaften darauf, eine materielle wie soziale Substanz aufzubauen. Dies führt oft zu einer gewissen sozialen Isolierung, gerade im ländlichen Raum. Die Gemeinschaften werden als ein Fremdkörper wahrgenommen. Da die Menschen in sozialökologischen Gemeinschaften oft eine andere Lebensweise, andere Werte und einen anderen Habitus als die Landbevölkerung aufweisen, lösen sie nicht selten Misstrauen und Skepsis aus. Manchmal dauert es über ein Jahrzehnt, bis eine Normalisierung stattgefunden hat. Die Gemeinschaften müssen in der Zwischenzeit mit diversen Vorwürfen kämpfen, etwa dass sie eine Sekte sind, deviante Formen von Sexualität praktizieren und auf nicht legale Weise mit Geld wirtschaften. Solche Vorwürfe können zu sozialer Ausgrenzung und Schwierigkeiten mit den administrativen Behörden führen.

Sowohl in städtischen wie in ländlichen Kontexten haben sozialökologische Gemeinschaften damit zu kämpfen, dass die administrativen Regeln für Gebäudeerrichtung und -nutzung, für Abwasser- und Müllmanagement, für Landbewirtschaftung, für die Gründung von Schulen usw. nicht auf ökologische und soziale Pionierprojekte ausgelegt sind. Obwohl Kommunen, regionale Verwaltungsinstitutionen sowie Stadt- und Regionalplaner ein hohes Interesse an nachhaltiger Entwicklung haben, ist ein wirklich guter, kooperativer Kontakt zwischen Institutionen und sozialökologischen Gemeinschaften nur wenig verbreitet. Die Gemeinschaften kämpfen zudem auch mit steuerrechtlichen und sozialversicherungsrechtlichen Nachteilen, da sie zwar wie eheliche und familiäre Solidargemeinschaften agieren und die Sozialsysteme entsprechend entlasten, dafür aber nicht belohnt, sondern mit Doppelbesteuerungen und anderen Lasten belegt werden.

Ihr spezifisches Kommunikationsverhalten macht den Kontakt zu Behörden nicht unbedingt leichter. Es wird im gesellschaftlichen Mainstream als merkwürdig und fremd wahrgenommen. Menschen aus sozialökologischen Gemeinschaften tun sich bisweilen schwer mit
Gesprächssituationen, die von Formalität geprägt sind oder in denen theoretische und politische Erwägungen unabhängig von der Artikulation und Schilderung persönlicher Betroffenheit erfolgen. Die spezielle Kommunikations- und Vertrauenskultur lässt sich Mitgliedern der Mainstream-Gesellschaft, die nicht mit der Gemeinschaftsszene und ihren Umgangsformen vertraut sind, zudem nicht leicht vermitteln, da sie das direkte Erlebnis und Einübung verlangt, um ihre Vorteile zu erkennen. Dort, wo Gemeinschaftsaktivisten allzu überheblich und wertend ihren Unmut über die Kommunikationskultur von anderen deutlich machen, lösen sie immer wieder auch Befremden und Abwehr aus. Bisweilen nehmen Akteure aus jüngeren, urbanen Milieus an ihnen auch eine gewisse Biederkeit und Betulichkeit wahr. Dies führt zu der Frage, auf welche Bevölkerungsgruppen sozialökologische Gemeinschaften ausstrahlen und welche Chancen sich daraus nachhaltigkeitspolitisch ergeben.

Bisher haben kommunale Behörden, Stadt- und Regionalentwickler, Wohungsbaugesellschaftem, Architekten, Wirtschaftsagenturen und andere Akteure, die sich mit der nachhaltigen Entwicklung von Städten und den Folgen von Abwanderung und demografischen Wandel für Stadt und Land auseinandersetzen, kaum mit den Chancen und Potentialen von Ökodörfern, sozial-ökologischen Gemeinschaften und verwandten intentional gemeinschaftlichen Lebensweisen auseinandergesetzt, von einer Integration in Stadtentwicklungskonzepte und vergleichbare Planungen ganz zu schweigen. Maximal wurden vereinzelt neue Formen des gemeinschaftlichen Wohnens (wie etwas Seniorenwohnprojekte, Mehr-Generationenhäuser oder Co-Housing) insoweit aufgegriffen, dass kommunale Behörden Beratungsangebote zur Verfügung gestellt oder vereinzelt diesbezügliche Pilotprojekte unterstützt haben. Deutlich weitergehende Konzepte von Gemeinschaftlichkeit wurden so gut wie gar nicht berücksichtigt.

Fragestellungen und Ziel des aktuellen Projekts

Der Projektstrang “Neue Gemeinschaftlichkeit zur Wiederbelebung sozial und demografisch entleerter Räume” wird unterschiedliche Dimensionen der Problematik demografisch und sozial geschwächter Städte und ländlicher Regionen ermitteln. Dabei geht es zunächst um die Frage, in welchen konkreten Settings sozial-ökologische Gemeinschaften (wie etwa Ökodörfer) und vergleichbare Projekte intentionaler Gemeinschaftlichkeit zur Wiederbelebung solcher Räume beitragen können und welchen Beitrag eine auf solche Formen neuer Gemeinschaftlichkeit abgestimmte Architektur, Stadt- und Regionalplanung, Wirtschaftsförderung und Wohnbauwesen dabei spielen können.

Dabei erscheint es wichtig, herauszufinden, wie die Gemeinschaften (und verwandte Projekten intentionaler Gemeinschaftlichkeit) einen konstruktiven, konzeptuellen Abgleich ihrer Aktivitäten mit denen institutioneller Akteuren der regionalen Kommunalpolitik und Regionalentwicklung erreichen können und auch eine produktive Auseinandersetzung mit ihren Erfahrungen und Experimenten erfolgen kann – ohne zu übersehen, dass es eine Vielfalt an Lebensentwürfen gibt und nicht jeder und jede in engen intentionalen Gemeinschaften leben möchte. Es stellt sich zum anderen die Frage, ob es Modelle eines gemeinschaftlichen Lebens gibt, die einerseits ähnliche ressourcensparsame und sozial nachhaltige Lebensstile wie die Ökodörfer ermöglichen, andererseits für jene urban orientierten Wertepluralisten, Innovatoren und Nonkonformisten geeignet sind, die oft als kulturelle Leitmilieus und Vorreiter fungieren, aber ein Übermaß an sozialer Kontrolle und gemeinschaftlicher Borniertheit befürchten.

Das Projekt wird einen ersten fachlichen Austausch und Dialog zwischen Experten und Entscheidern ermöglichen. Eine Zusammenarbeit zwischen Experten, die sich mit Stadt- und Regionalentwicklung, Wohnformen, Landflucht und demografischen Wandel beschäftigen, auf der einen Seite und sozial-ökologischen Gemeinschaften und verwandten intentionalen gemeinschaftlichen Sozialformen auf der anderen Seite soll initiiert und gestärkt werden. Damit soll die Ansiedlung weiterer sozial-ökologischer Gemeinschaften und verwandten intentionalen gemeinschaftlichen Sozialformen in sich demografisch und sozial entleerenden Räumen gestärkt werden.

Das Projekt “Neue Gemeinschaftlichkeit zur Wiederbelebung sozial und demografisch entleerter Räume” richtet sich damit sowohl an die politischen Entscheidungsträger und Behörden von Städten, Kommunen und regionalen Verwaltungseinheiten, die sich mit Abwanderung und nachhaltiger Regionalentwicklung beschäftigen und nach Lösungswegen suchen, als auch an Entscheidungsvorbereiter und Experten aus der Stadt- und Regionalentwicklung, der Architektur und der regionalen Wirtschaftsförderung. Außerdem werden Akteure der Immobilienwirtschaft und des Wohnungsbaus (etwa genossenschaftlicher Wohnungsbau, städtische Träger, private Immobiliengesellschaften), die für solche Aktivitäten relevant sind angesprochen. Nicht zuletzt richtet sich das Projekt an Akteure und Aktivisten der sozial-ökologischen Gemeinschaftsbewegung, die nachhaltige Lebensstile praktizieren und in eine deliberative Auseinandersetzung mit den oben genannten Akteuren treten wollen.

Ansprechpartner für das Projekt:

European Business Council for Sustainable Energy (e5)
Julio Lambing
Senior Researcher
Tel:+49 177 8389322
E-Mail: julio.lambing@e5.org

 

Förderung durch das Bundesumweltministerium

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